05.09.2015

Mont Ventoux – Ride the Legend


Gastbeitrag von Fabian v. Busse (Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung)
Ich wollte eigentlich gar nicht auf den Ventoux. Der Fahrradteil meines Urlaubs sollte eigentlich nur aus einer viertägigen Mountainbiketour mit einigen Freunden im Mont-Blanc-Gebiet bestehen. Dann aber die Entscheidung, im restlichen Urlaub mit dem Rucksack an der Côte d’Azur und in der Provence herumzureisen. Und wenn die Legende dann praktisch direkt vor der Haus-, oder besser: Hosteltür, steht, dann muss sie natürlich auch bezwungen werden. Eine Legende – auf den ersten Blick erstaunlich, woher der Ventoux diesen Status unter Radlern hat. Schließlich war er nur ein gutes Dutzend Mal im Programm der Tour de France. Kein Vergleich mit L’Alpe d’Huez, Galibier oder Tourmalet. Aber bei der Tour 1967 ist Tom Simpson hier kurz vor dem Gipfel einfach vom Rad gefallen und noch am Straßenrand gestorben – voll auf Drogen. Drei Jahre später hat Eddy Merckx auf seinem Weg zum zweiten Toursieg zwar die Etappe am Ventoux gewonnen, erlitt aber noch im Ziel einen Schwächeanfall und musste behandelt werden. Zuletzt hat Chris Froome 2013 hier eine Attacke von Nairo Quintana nicht nur abgewehrt, sondern ihm direkt noch 30 Sekunden abgenommen. Zudem massig Geschichten wahlweise über Gluthitze oder Blizzards im Gipfelbereich. Schließlich gilt die Besteigung des Ventoux durch den Dichter Francesco Petrarca im Jahr 1336 einfach „aus Verlangen“ als die Geburtsstunde des Alpinismus. Voilá – Legendenstatus! Hier muss ich hoch.

Ich habe mich für die Auffahrt vom Örtchen Bédoin (350 Meter) über Le Châlet Reynard (1.440 Meter) hoch zum Gipfel (1.911 Meter) entschieden. Das machen die meisten so, die Alternativroute von Malaucène aus ist einen Tick steiler und wird damit meine Abfahrtsstrecke. Ein schickes Look Carbon mit Ultegra-Ausstattung ist schnell für moderates Geld (40 Euro pro Tag) in Bédoin gemietet und der Mechaniker stellt mir auf meinen Wunsch sogar noch den Lenker ein paar Spacer runter. Den Reifendruck will er mir allerdings nicht erhöhen – zu groß ist nach seiner Aussage die Gefahr, dass der Reifen später in der Höhe und Hitze platzt. Die Geschichte eines Bekannten von einem geplatzten Reifen bei Tempo 60 auf der Abfahrt vom Ventoux war also kein Radlerlatein.

Kurz vor dem Losfahren hatte ich mich bei dem Gedanken ertappt: „Mal schauen, ob mich bergauf überhaupt jemand überholt.“ Diese Vorstellung erweist sich sehr schnell als sehr naiv: Am Ventoux sind enorm viele Leute unterwegs und einige davon fliegen am Anfang geradezu an mir vorbei. Die Bandbreite der Ventoux-Herausforderer ist riesig: Von taschenbepackten Tourenradlern, Mountainbikern mit Full-Suspensions, Hobbyradlern mit Leihrennrädern wie mir bis zu Amateur-Teams mit 5.000-Euro-Geschossen ist alles auf den Hängen präsent. Ich baue mein durch die anfänglichen Demütigungen verlorenes Selbstbewusstsein wieder auf, indem ich zunächst ein paar im Rentenalter befindliche Tourenradler überhole. Später kämpfe ich mich auch an den ersten gleichaltrigen Rennradlern vorbei. Trotz schattenspendender Bäume ist der untere Teil der Auffahrt nicht ohne, da Hitze und eine konstante Steigung von knapp zehn Prozent ihren Tribut fordern. Der erste Energieriegel ist schnell verschlungen.
Anhaltendes schweres Atmen hinter mir verrät, dass mich ein Mitstreiter zu seinem Schrittmacher auserkoren hat. Ich bin mittlerweile ganz gut drauf und mache mir einen Spaß daraus, ab und an das Tempo kurzzeitig anzulupfen, um zu testen, ob er mitkommt. Schafft er. Seine Partnerin fährt währenddessen mit dem Auto voraus, um ihn (bzw. uns) in regelmäßigen Abständen von den Haltebuchten am Straßenrand aus anzufeuern und zu filmen. Drei bis vier Mal geht das so. Ich winke immer ganz freundlich. Außer ihr sind um mich herum noch ein paar andere Begleiterinnen in ähnlicher Mission unterwegs. Für die Ladies muss das ungefähr so spannend sein, wie für Typen, die ihre Partnerin beim Schuhkauf begleiten. Mein Hinterradlutscher lässt irgendwann abreißen und sucht sich einen neuen Schrittmacher.

Ich nähere mich dem Châlet Reynard, einer Art Berghütte am Straßenrand. Hier endet der Wald und der kahle, kalksteinweiße Gipfelhang weitet sich. Zeit für eine Minipause, um Wasser nachzufüllen und den nächsten Energieriegel anzubrechen. Zu meiner freudigen Überraschung liegt der Gipfel nun schon fast zum Greifen nahe. Ein riesiger Motivationsschub. Im unteren Teil hatte ich mit meinen Kräften gehaushaltet, um weiter oben nicht einzubrechen. Jetzt wird Gas gegeben.

Vielleicht lag es an den phantastischen Wetterverhältnissen an diesem Spätsommertag und dem Umstand, dass im oberen Teil der Auffahrt Rückenwind herrschte: Anders als von den Meisten geschildert, lag mir der obere Teil deutlich mehr, als der untere. Keine Gluthitze, kein sich wie Kaugummi ziehender Gipfelhang. Stattdessen die pure Euphorie, den aus den Tour-de-France-Übertragungen bekannten Gipfelturm im Blick zu haben, der aufgrund der moderateren Steigung förmlich auf mich zuzugaloppieren schien. Toll, was Endorphine mit einem machen können. Selten knapp 500 Höhenmeter gefühlt so schnell zurückgelegt. Außerdem Superstargefühle und Zusatzmotivation von unverhoffter Seite: Offenbar fahren an guten Tagen so viele Leute den Ventoux hoch, dass es sich für professionelle Fotografen lohnt, sich an den Straßenrand zu stellen, auf Verdacht Fotos von den Vorbeifahrenden zu schießen und ihnen schnell eine Visitenkarte in die Hand zu drücken, damit sie nach der Tour ihr Foto im Internet bestellen. Man fühlt sich dabei ein bisschen wie ein Radprofi. Am Schluss hatte ich vier (sic!) dieser Visitenkarten gesammelt. Zum Teil scheinen die Fotoagenturen nicht nur am Ventoux, sondern auch an anderen Berglegenden der Tour de France präsent zu sein.

Schließlich: Gipfelsprint und Aussicht genießen. Auf der einen Seite liegt 1.500 Meter weiter unten die Provence. Auf der anderen Seite schließen sich die Voralpen an und am Horizont kann man die vergletscherten Gipfel des Alpenhauptkamms erahnen. Hier möchte ich bleiben und in die ferne starren – zumindest, solange die Sonne scheint. Trotzdem – so viel Zeit muss sein –: Schlange stehen für das obligatorische Finisher-Foto unter dem Gipfelschild. Das will natürlich jeder. Ganze Reisegruppen werfen sich samt Rädern in Pose. Mein Hinterradlutscher – ein netter Engländer – ist mittlerweile auch angekommen, stellt sich lachend vor und übernimmt als Dank für meine Führungsarbeit eins meiner Gipfelfotos.

Nach rund einer halben Stunde Gipfelgenuss folgen gut 21 Kilometer Abfahrt nach Malaucène. Direkt auf der ersten Rampe unterhalb des Gipfels zeigt der Tacho 65 km/h. In mir steigt langsam, aber nachdrücklich die Frage auf, wie wohl die Bremsen meines Leihrads reagieren werden. Die Ultegra-Bremshebel hier sind völlig neu für mich, an meinem eigenen Rad ist eine Campa Chorus verbaut. Hätte man vorher vielleicht mal testen können. Letztlich geht aber alles gut. Nach und nach lote (bremse) ich den Geschwindigkeitsbereich meines Rads weiter aus. Auf der Abfahrt überholt mich tatsächlich niemand mehr, ich dafür zwei Autos. Am Ende zeigt der Tacho 78 km/h als Maximalgeschwindigkeit an – persönlicher Rekord. Noch nie habe ich so schnell mit dem Rad 21 Kilometer zurückgelegt und rund 1.500 Höhenmeter vernichtet.


Die letzten zwölf Kilometer von Malaucène zurück nach Bédoin sind meine persönliche Tour d’Honneur, wenn auch ohne Publikum. Ich hätte trotzdem gerne ein Glas Sekt gehabt. Stattdessen gibt’s am Ziel ein alkoholfreies Bier. Und ein Siegergrinsen, das nach wie vor anhält.